Tendoryu Aikido

Eric Delarge: Wie ich zum Tendoryu Aikido kam

Donnerstag, 15. August 2013

[images/blog/Eric.png]Eric Delarge stammt aus Belgien und trainiert nun schon seit vielen Jahren im Tendokan in Tokyo. Er erzählt uns, wie er zum Tendoryu Aikido gefunden hat und was ihn bis heute daran fasziniert.
Ich muss circa 21 oder 22 Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten mal eine Aikido-Demonstration sah. Sie fand in der Turnhalle meiner Universität in Belgien statt. Ein Kind (sicherlich jünger als 12) wurde von einem Erwachsenen angegriffen, dessen Angriff es abwehrte und ihn in einem schönen freien Fall von sich warf.
Als ich das sah, erinnerte es mich an eine nette Zirkusvorführung. Wie könnte auch ein schwächliches Kind solch einen gut gebauten Erwachsenen einfach so von sich werfen! Ich dachte es wäre ein Trick und aus diesem Grunde gefiel es mir nicht.
Nicht weniger als 20 Jahre später kam Aikido in mein Leben zurück. Ich war nach Tokyo versetzt worden und wir standen vor dem Abschluss eines wichtigen Deals zwischen meiner belgischen Firma und einem großen japanischen Pharmakonzern. Bei einem Besuch unserer Produktionsstätten in Belgien sprach ein netter Mensch von dem großen japanischen Pharmakonzern, der für den Einkauf zuständig war, zu mir über seine Begeisterung für Aikido. Er hatte schon mehrere Jahre trainiert. Wieder in Tokyo, lud er mich tatsächlich ein, einmal vorbei zu schauen und mit zu trainieren, damit ich mir selbst ein Bild machen könnte.
Ich begann, das große Missverständnis zu entdecken, das ich seit meiner Studentenzeit mit mir trug.
Meine Freunde trainierten auf dem Gelände ihrer Firma. Zeit und Ort waren sehr unpraktisch für mich, so dankte ich und sagte, dass ich ein nettes Dojo in meiner Wohnungsnähe in Tokyo gefunden hätte. Das ist meine Geschichte wie ich zum Tendoryu Aikido gefunden habe.
Bevor ich mit dem Tendoryu Aikido begann, hatte ich Judo und Karate trainiert. Als ich beitrat, beeindruckte mich an erster Stelle die freundliche Atmosphäre beim Tendoryu Aikido. Ich wusste vom Kohai/Senpai System das in manchen Dojos manchmal eine unangenehme Stimmung erzeugte. Aber beim Tendoryu Aikido war es ganz anders.
Niemals wurde ich über das Maß hinaus bedrängt. Es wird akzeptiert, dass jeder einen eigenen Rhythmus, Körper-Flexibilität und ein eigenes Tempo besitzt, um sich das Können, Wissen und die Energie anzueignen, die nötig sind, um diese wundervolle Kunst zu entdecken und letztendlich aufzunehmen.
Interessant ist auch, dass man nicht viel Wert darauf legt, die Techniknamen auswendig zu lernen. Auch ist es nicht notwendig, sich einem Test zu unterziehen um den nächsten Kyu-Grad zu erlangen! Im Gegenteil, Shimizu Sensei und all die anderen Lehrer beobachten uns sorgfältig, geben wertvolle Hinweise und korrigieren unsere Bewegungen unnachgiebig, so wie ein Vater oder eine Mutter es bei ihren Nachkommen machen würde. Anders ausgedrückt, ich habe immer eine sehr fürsorgliche Einstellung von den Lehrern hier im Dojo erfahren.
Schnell lernte ich auch, dass Freundlichkeit und Fürsorge in keiner Weise Zeichen von Schwäche des Dojos sind. Ich spürte ebenfalls, dass diese Einstellung des Dojos mit einer gewisser Ernsthaftigkeit und Disziplin einhergeht.
Shimizu Sensei fordert viel von seinen Schülern, so wie er auch sich fordert. Ich respektiere das und wende es sogar selbst in meinem Berufs- und meinem Privatleben an.
Aikido ist die Kampfkunst, die ich nun bislang am längsten betreibe und ich habe mich gefragt warum das so ist!
1998 bin ich Mitglied im Tendokan geworden, verließ dann Japan für 5 Jahre und hatte eine Trainingsauszeit von 4 Jahren bevor ich 2007 wieder zurückgekehrt bin.
Am Anfang, glaube ich, faszinierte mich die technische Herausforderung, die das Aikido an mich stellte. Das ist in gewisser Weise heute immer noch so. Jedoch das Training unter Shimizu Sensei’s Leitung und der anderen Trainer ließen mich einige wichtige Aspekte erkennen, die ich anfangs, während meiner ersten Trainingsjahre im Dojo in Sangenjaya, nicht wahrgenommen hatte.
Warum erinnert uns Sensei ständig an die Wichtigkeit des regelmäßigen Trainings?
Ich dachte, dadurch würden sich unsere technischen Fähigkeiten verbessern und die ‘Waza’ würde in einen Reflex oder eine natürliche Reaktion unseres Körpers übergehen, der die Bewegung dann verinnerlicht hat.
Vielleicht ist das ein Teil der Antwort.
Ich persönlich habe noch einen weiteren Teil der Antwort gefunden, der weit über die Technikverbesserung hinausgeht. Manchmal haben wir beim Training den Eindruck, dass wir nur sehr wenig oder gar nicht vorwärts kommen. Das mag am Anfang entmutigend sein. Doch glücklicherweise geben die meisten nicht auf. Und nach einiger Zeit spüren wir, dass wir vorwärts gekommen sind. Dieser Prozess des Weitermachens, egal wie das Ergebnis ausschaut, macht uns auf der geistigen Ebene stärker. Er trägt dazu bei, unseren inneren Willen, unseren Charakter und unsere Persönlichkeit zu stärken und stattet uns mit Widerstandskraft und Mut für alle Widrigkeiten, die das Leben uns so bietet, aus. Diese Lehren sind viel wert. Diese regelmäßige Trainingsdisziplin stellt eine ständige Herausforderung für mich dar.
Es liegt an mir, diese Herausforderung anzunehmen. Das ist eine Angelegenheit zwischen mir und mir (so zu sagen).
Eine weitere Lektion, die ich unter Shimizu Sensei’s Leitung erhalten habe, ist, dass wir zu jeder Zeit in der Geisteshaltung eines Anfängers sein sollten.
Anfänger sind immer aufmerksam, und achten sehr stark auf ihren Trainingspartner. Dadurch zwingt man sich selbst, sorgsam und konzentriert zu bleiben. Man passt sich so gut es geht dem Trainingspartner an, um in Harmonie mit der Bewegung und dem ‘KI’ zu sein.
Das macht auch jedes Training zu einem neuen Erlebnis, bei dem jedes Mal viel gelernt werden kann, wenn man nur aufmerksam ist und vermeidet, Dinge einfach nur zu wiederholen oder im schlechtesten Fall zu einer Routine werden zu lassen.
Bewahre den Anfängergeist! Das ist eine großartige Lernerfahrung!
Und übrigens habe ich das Gefühl, dass man, wenn man diese Geisteshaltung kultiviert, irgendwie jünger bleibt.
Shimizu Sensei versucht außerdem, uns Mitmenschlichkeit zu vermitteln. Das heißt, dass sein Dojo nicht nur ein Ort ist, wo wir zum Lernen, Ausüben und Fördern des Aikidos hingehen. Es ist auch ein Ort, an dem gegenseitiger Respekt, Unterstützung, Networking und Freundschaft unter uns allen entstehen kann, da wir alle die gemeinsame Begeisterung für das Aikido teilen. Es liegt auch an jedem Einzelnen von uns, auf diese Einladung positiv zu reagieren. Uns gegenseitig ein bisschen besser kennenzulernen und unsere regelmäßigen Trainingsbegegnungen über das Aikido hinauswachsen zu lassen, damit wir zu besseren Menschen werden, die sich gegenseitig dienen können. Das ist eine Dimension, die ich in keinem anderen Dojo vorgefunden habe.
Zum Schluss, die Tiefgründigkeit dieser Kampfkunst lässt mich bescheiden bleiben, denn je mehr ich das Gefühl habe zu lernen, desto mehr erkenne ich, dass da noch ein langer Weg vor mir liegt. Das macht Aikido zu einer unendlichen Herausforderung und das gefällt mir sehr…(aus dem Englischen von Birgit Lauenstein)
Veröffentlicht unter Aikido, Infos zum Aikido

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